blicknachinnen

Blick unter die Motorhaube

Schuss vor den Bug. Wo ich im letzten Beitrag noch einen ironischen Scherz mit meiner persönlichen Ansprache an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika machen konnte, bleibt mir inzwischen die Spucke weg, respektive der Mund offen stehen.
Die Enthüllungen um die Internetkontrollen der Geheimdienste weiten sich aus. Ja, auch der britische Geheimdienst ist mit seinem Programm „Tempora“ dabei, das WorldWideWeb ganzheitlich zu scannen. Und wer kann noch davon ausgehen, dass andere Spionageabteilungen der Länder dieser Welt es ihren Mitteln entsprechend nicht täten? Frankreich vielleicht, Russland, VR China bestimmt, auch wenn es dort niemals jemand zugeben werden wird und was ist mit Kuba, mit dem Hightechland Indien? Die Mittel zur Informationsbeschaffung sind heute so vielfältig und einfach, ja billig, geworden, dass ehemalige Institutionen wie die Stasi der untergegangenen DDR davon nur träumen könnten. Überhaupt: Etwas über zwanzig Jahre nach dem Mauerfall sind sicher auch einige ehemalige Stasiexperten noch in bundesdeutschen Behörden tätig. Was ist eigentlich mit dem BND? Vielleicht scannen die deutschen Geheimdienste auch die eine oder andere Kleinigkeit mit. Wer hat eine andere Erklärung dafür, dass die Bemühungen der deutschen Politik so zaghaft ausfallen, wenn es darum geht, sich über die amerikanischen und britischen Spionageaktivitäten zu beschweren. „De een Krei hak den andern kein Oag ut.“ So sagt man auf Platt.
Jegliche Kommunikation, jeder Standort, jede Bewegung auf Megarechner mehrfach festgehalten. Dazu alles zigfach gesichert im Back-up. Deine Info zur Abi-Abschlussfeier vom 24.Juni 2013 wird nie wieder von diesem Planeten verschwinden. Dein Gruß an Tante Magret via Skype für alle Zeiten festgehalten. Sollten in ferner Zukunft einmal extraterrestrische Lebewesen auf der inzwischen menschenleeren Erde landen, werden sie unsere Festplatten finden und analysieren. Und sich fragen, welch seltsamen Bewohner hier einst lebten.

Aber was ist so neu an der Tatsache der Beobachtung im Netz? Was ist an dem Wissen, dass wir im Internet eben nicht allein sind, so spektakulär? Es ist das Wissen darum. Solange wir nur ahnten, konnten wir uns das Mitlesen durch Dritte immer noch schön reden. Firewalls und Virenscanner täuschten uns eine, wenn auch eher fragwürdige, Sicherheit vor. Glauben ist eben nicht Wissen.

Dieses wunderbare Medium des Vernetzens, der Kommunikation, des Teilens und der Wissensverbreitung ist in Gefahr geraten zu veröden. Oder wie Johnny Häusler auf Spreeblick meint:“Das Internet ist kaputt.“
Wenn es auch im Netz nur darum gehen soll, den Profit zu steigern, dann ist das Internet kaputt. Wenn wir Blogger mit unserer Meinung zurückhalten, um nichts Angreifbares zu verkünden, dann ist das Netz kaputt. Aber nicht nur das Internet ist dann in Gefahr, sondern auch unsere Demokratie. Zu der gehört die freie Meinungsäußerung und die Publikation von Texten. Zu ihr gehört der öffentliche Diskurs. Der Austausch und das Streiten dürfen.

Die Realisierung des Orwellschen Überwachungsstaats scheint näher gerückt zu sein. Sehr nahe. Mit der Google-Brille (Link zur Breitbandsendung “Überwachen bis der Arzt kommt”) wird die Echtzeit-Video-Kontrolle möglich, durch das Einspielen von personenbezogenen Internetdaten rückt der Gedankenleser in greifbare Reichweite.
Ist der Traum vom freien Internet ausgeträumt? Nein! Es gilt jetzt, Zeichen zu setzen. Meinungen laut kundzutun und mit zu gestalten. Für ein Recht auf eigene Daten. Für den umfassenden Datenschutz jedes Einzelnen. Die Alternative wäre nur: Resignieren, alle Webspaceeinträge löschen, die zu löschen gehen und sich ins Offline-Leben zurück zuziehen. Nur mit Demokratie hat das dann leider nichts mehr zu tun.
Ich bin mir sicher, die Enthüllungen um die ganzheitliche Überwachung des Netzes wird Bewegung ins Internet bringen und viele kreative Köpfe rauchen lassen.

Bald sind auch wieder Bundestagswahlen. Schaut genau hin, wer jetzt was sagt, unternimmt oder es besser sein lässt. Schließlich wissen wir jetzt: „Das Internet ist für uns alle Neuland“. Prost Mahlzeit.